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Lic.phil. André Dietziker Fachpsychologe für Psychotherapie FSP Eidg. anerkannter Psychotherapeut
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Zuger Psychotherapeut: «Die Eltern müssen manchmal Selbstzweifel aushalten» Wenn die Kinder flügge sind und das Elternhaus verlassen, klagen viele Eltern über Trauer und Leere zu Hause. Warum es Eltern aus der Bahn werfen kann und warum Väter mehr damit zu kämpfen haben, verrät der Zuger Psychotherapeut André Dietziker. Isabelle Dahinden «Das Haus wurde mit den Umzügen unserer beiden Töchter leerer – und es wurde ruhiger.» Das sagte ein Vater aus Luzern. Denn wenn die Kinder das Elternnest verlassen, macht das einigen Eltern zu schaffen. Sie leiden unter der Trennung, fühlen Trauer und Schmerz. Der Zuger Psychotherapeut André Dietziker weiss mehr über das sogenannte Empty-Nest- Syndrom. zentralplus: André Dietziker, dass Kinder einmal ausziehen, gehört zum Erwachsenwerden der Kinder, zum Elterndasein und zum Lauf des Lebens. Warum kann es einige Eltern dennoch so aus der Bahn werfen? André Dietziker: Der Moment ist sehr ambivalent, weil die Eltern auf die Selbständigkeit der Kinder hinarbeiten, überflüssig werden wollen. Jedoch läuft die Ungewissheit mit, wie die Beziehung künftig sein wird, ob man alles richtig gemacht hat, ob es den Kindern ohne sie gut geht. Auch wenn die Trennung erwartet wird – sind doch viele überrascht, wenn es der definitive Auszug ist. Es fühlt sich absolut an, für immer. Das kann Traurigkeit, Leere, seelischen Schmerz auslösen. Dem Alter entsprechend kommen oft weitere Lebenskrisen dazu: zum Beispiel die Wechseljahre, der Abschied von kranken Eltern oder das Bewusstsein des eigenen Alterns. zentralplus: Wollen Eltern denn wirklich überflüssig werden? Dietziker: Ich meine damit überflüssig bezüglich Lebenstüchtigkeit und Selbständigkeit. Es geht ja letztlich darum, unabhängige, autonome Erwachsene in die Welt zu entlassen. Aber es macht einen als Eltern auch stolz, wenn man mal gebraucht wird für einen praktischen Rat, eine handwerkliche Unterstützung, aber sicherlich auch Unterstützung im Sinne von Lebenserfahrung. zentralplus: Inwiefern spielen beim Auszug der Kinder Verlustängste mit? Dietziker: Es kann ein Gefühl von Inhaltslosigkeit und Identitätsverlust entstehen, nicht mehr gebraucht werden. Dies besonders bei Müttern, die sich ganz der Erziehung verschrieben hatten. Auch für Alleinerziehende ist die Leere und das Alleinsein stärker. Eltern verlieren die täglichen Rituale mit den Kindern, die Gespräche, die Lebendigkeit, die Aufgaben. Und sie stehen vielleicht nach zwei Jahrzehnten wieder vor dem Partner, von dem sie sich in der Elternpflicht entfremdet haben. Es handelt sich beim Empty-Nest-Syndrom aber nicht um eine Krankheit, sondern um eine ganz normale Lebenskrise, welche die meisten gut verkraften. «Oft sind Väter auf den Auszug der Sprösslinge nicht vorbereitet und rechnen nicht mit einer emotionalen Reaktion.» zentralplus: Laut einer Studie der Uni Bern leiden vor allem Väter, wenn die Kinder das Zuhause verlassen. Warum? Dietziker: Die Väter sind bei klassischen Rollenteilungen öfter abwesend. Sie überlassen die soziale Gestaltung des Familienlebens den Müttern und fühlen sich emotional weniger involviert. Oft sind sie auf den Auszug der Sprösslinge nicht vorbereitet und rechnen nicht mit einer emotionalen Reaktion. Die Mütter haben in der Regel diesbezüglich schon eine längere Vorbereitungszeit durchlebt. Väter verlieren nicht unbedingt den Lebensinhalt im Alltag, aber sie verlieren Kontakt- und Gesprächsmöglichkeiten und wie die Mütter die Lebendigkeit im Haus. zentralplus: Suchen auch bei Ihnen in der Praxis Eltern, die mit dem Empty-Nest-Syndrom zu kämpfen haben, Rat? Dietziker: Ich habe kaum Klienten, die ausdrücklich und allein wegen der Empty-Nest-Thematik zu mir kommen. Viele sind sich dieses Hintergrundes gar nicht bewusst. Sie deklarieren den Auszug der Kinder als normal und verbieten sich die Trauer deswegen. Darum suchen sie mich eher wegen einer Midlife-Thematik, Orientierungslosigkeit oder Paarproblemen auf. Manchmal schildern sie depressive Symptome und erst die nähere Betrachtung der Lebenssituation zeigt, dass das letzte Kind vor einigen Monaten ausgezogen ist. zentralplus: Sich das Trauern zu verbieten klingt nicht gerade gut für einen selber. Dietziker: Das stimmt. Es ist für die psychische Gesundheit absolut richtig, sich die Trauer einzugestehen und sie auch zuzulassen. Wenn Trennung schmerzt, beweist das die Ernsthaftigkeit und Bedeutung der Beziehung, die sich gerade wandelt. zentralplus: Wann ist das Trauern noch im normalen Rahmen, wann kippt es? Dietziker: Trauerprozesse gehören zum Leben dazu. Jeder trauert anders, manche laut und sofort, andere unmerklich oder später. Es braucht etwa zwei Jahre, bis Eltern sich an die neue Situation vollständig adaptiert haben. Wenn jemand von der Trauer über Wochen und Monate überwältigt wird, sich dazu Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Zukunftsängste, Energielosigkeit, Freudlosigkeit und eine gleichbleibende allgemeine Niedergeschlagenheit einstellt, spricht man von einer Anpassungsstörung, die allenfalls nach therapeutischen Massnahmen verlangt. «Die Beziehung zu den Kindern wandelt sich in Form und Häufigkeit, aber sie kann sehr wohl harmonischer und intensiver werden.» zentralplus: Wie lernt man das Loslassen denn am besten? Dietziker: Beim Thema Empty-Nest möchte ich lieber von einer Transformation sprechen. Die Frage, die sich stellt, ist: Wie können wir die Beziehung zu unseren Kindern auf eine erwachsene Ebene wechseln, auf der wir einen gleichwertigen Austausch pflegen können? Wir müssen unsere Kinder nicht loslassen, als ob es sie nicht mehr gäbe. Eher müssen wir einen Weg finden, den gewonnenen Raum und die gewonnene Zeit mit Freude neu zu gestalten. Die Beziehung zu den Kindern wandelt sich in Form und Häufigkeit der Kontakte, aber sie kann sehr wohl harmonischer und intensiver werden, wenn sie nicht mehr durch Alltagsknatsch gestört wird. zentralplus: Haben Sie konkrete Tipps, wie man das Verhältnis zu den Kindern intensivieren kann? Dietziker: Ich bin nicht der Meinung, dass man nach dem Auszug prioritär die Beziehung intensivieren soll. Man soll seine Kinder zuerst gehen lassen und ihnen die Selbständigkeit zutrauen, ohne ständig nachzufragen. Sie wollen und brauchen das. Dies kann durchaus für die Eltern schmerzhaft sein, weil sie sich so zurückgelassen und ungebraucht fühlen. Die Jungen müssen zuerst spüren, dass sie es alleine schaffen, und sie müssen die Gelegenheit bekommen, dass sich ein Bedürfnis einstellt, mit den Eltern in Kontakt zu treten. Die Eltern müssen da manchmal etwas Geduld haben und Selbstzweifel aushalten. Man muss sich als Eltern aber auch nicht verbiegen und darf durchaus eigene Kontaktbedürfnisse ernst nehmen. Es soll nicht einseitig sein. zentralplus: Wie können Eltern zu ihren erwachsenen Kindern ein gutes Verhältnis pflegen – ohne Druck auf sie aufzubauen? Dietziker: Kinder schätzen echte Anteilnahme und Interesse an ihrem selbständigen Leben. Sie merken aber auch, wenn es den Eltern um Kontrolle geht und wenn sie Lückenfüller sein sollen. Man soll den Kontakt nicht aus einem Mangel und einer persönlichen Bedürftigkeit heraus suchen. Kinder wollen spüren, dass sie ihr Leben frei geniessen können, weil die Eltern mit ihrem neuen Leben sehr gut selber umgehen können. zentralplus: Wie bereiten Eltern sich optimal auf den Auszug der Kinder vor? Dietziker: Der Trennungsprozess fängt mit der Geburt an. Bis zum Auszug gibt es viele Probetrennungen durch Abwesenheit während der Schule, Lehre, Reisen, später Studium. Der entscheidende Moment ist der Auszug des letzten Kindes. Idealerweise beginnt der Wechsel auf eine respektvoll gleichwertigere Erwachsenenbeziehung schon während der Adoleszenz. Die Beziehung vor dem Auszug prägt jene in den ersten Jahren danach. Ganz wichtig ist es, schon vorher die Partnerschaft neu zu beleben, seine persönlichen Interessen, Hobbys und externen Engagements aufzubauen und das soziale Umfeld zu pflegen. Es ist wichtig, durch den Auszug der Kinder nicht in ein Vakuum zu stürzen. Darum muss die Zeit danach schon davor anfangen. «Nach der Familienzeit ist das Elternpaar plötzlich wieder nur Ehepaar. Vielleicht stellt man erschreckt fest, dass man sich weit auseinanderentwickelt hat.» zentralplus: Wenn die Kinder ausgezogen sind, muss das Paar zu Hause wieder den Alltag zu zweit managen und teilen. Wie funktioniert das am besten? Dietziker: Durch den Auszug der Kinder fallen viele Aufgaben weg. Die verbleibenden kann man aber sehr gut neu und gleichwertig aufteilen. Nach der Familienzeit ist das Elternpaar plötzlich wieder nur Ehepaar. Vielleicht stellt man erschreckt fest, dass man sich weit auseinanderentwickelt hat. Man hat einander vielleicht anfänglich gar nicht viel zu sagen. Die Kinder haben jahrelang das Thema und die Gespräche dominiert. Aber auch die zeitlichen Ressourcen für das Paar waren sehr beschränkt. Also kann man jetzt tun, was man schon immer gerne machen wollte, neue Hobbys anfangen, idealerweise gemeinsam und alleine. zentralplus: Alleinerziehende bleiben alleine in der leeren Wohnung zurück. Was raten Sie ihnen? Dietziker: Für Alleinerziehende ist es erdrückender, als wenn da ein Partner die Räume mit Leben füllt. Die Vorbereitung auf den Auszug der Kinder ist darum noch viel wichtiger. Der Mangel an automatischen Sozialkontakten sollte schon vorher durch ein breites soziales Netz abgefangen werden. Vielleicht helfen Gespräche mit Menschen in der gleichen Situation. Engagements in Vereinen, Kurse und Weiterbildungen oder eine berufliche Tätigkeit wirken dem Gefühl von Einsamkeit entgegen. zentralplus: Was soll man mit dem bisherigen Kinderzimmer machen? So belassen – oder etwas Neues daraus machen? Dietziker: Die frei werdenden Zimmer soll man für sich selber nutzen. Der neue Lebensabschnitt kann nicht anfangen, wenn wir die alten räumlichen Strukturen nicht auflösen. Symbolisch warten wir sonst immer auf deren Wiederherstellung. Die Neugestaltung der Räume symbolisiert dagegen den Aufbruch, den Beginn eines neuen, schönen Lebensabschnitts. Idealerweise informiert man die Kinder, dass das alte Zimmer neu gebraucht wird. Es signalisiert sonst vielleicht, man sei froh um den längst fällig gewordenen Auszug. Gleichzeitig kann es die Kinder beruhigen, wenn man ausdrückt, dass sie in der Not jederzeit willkommen sind. zentralplus: Sie selbst sind Vater dreier erwachsener Söhne. Wie erging es Ihnen damals? Dietziker: Wir wurden radikal vor Tatsachen gestellt. Der jüngste Sohn hat uns vierzehn Tage vor seinem Auszug informiert. Da blieb nicht viel Vorbereitung. Meine Frau hat mich mit einem Glas Wein empfangen und wollte mit mir das Ende der Familienzeit feiern. Mir war emotional aber gar nicht ums Feiern, es war eher ein Schock und ich fühlte mich traurig. Bis zum Umzug war ich aber innerlich sortiert und bereit. Dagegen war meine Frau dann plötzlich vom Anblick des leeren Zimmers erschüttert und einige Tage in Trauer. Wir haben das Zimmer in ein Arbeits- und Gästezimmer umgewandelt. Wir haben uns relativ schnell an die neue Situation gewöhnt – aber manchmal kommt etwas Wehmut auf.
vom 5.April 2021
Es fühlt sich an wie das Ende einer Liebes- beziehung, die einseitig aufgelöst wird Es ist still und beim Tischdecken nimmt man aus Gewohnheit jedes mal einen Teller zu viel aus dem Schrank - wenn Eltern am leeren Nest leiden Jenny Anzalone Alle Mütter und Väter wissen, dass der Tag kommt - trotzdem werden viele von ihren eigenen Gefühlen überwältigt. Der Auszug der Kinder ist eine Zäsur im Leben der Eltern. Der Psychotherapeut André Dietziker und die Fachfrau für Sozialpsychiatrie Burgi Helbling Dietziker erklären, was es mit dem sogenannten Empty-Nest-Syndrom auf sich hat. Frau Helbling Dietziker, Herr Dietziker, wieso interessiert sie dieses Thema? André Dietziker: Ich bin einerseits beruflich als Psychotherapeut mit Krisen von Eltern konfrontiert, anderseits ein betroffener Vater. Es ist mir ein Anliegen, die Selbstwirksamkeit von Eltern zu stärken. Burgi Helbling Dietziker: Als Eltern dreier erwachsener Söhne haben wir und habe ich den Auszug der Kinder durchlebt und durchlitten. Es scheint mir enorm wichtig, Eltern ein Bewusstsein für diesen kritischen Lebensübergang zu ermöglichen. Unsere Botschaft zielt darauf ab, diesen Wandel als Normalität anzunehmen. Was ist das Empty-Nest-Syndrom? Dietziker/Helbling: Wenn das letzte Kind aus dem Elternhaus auszieht, bleiben die Eltern alleine zurück und sind konfrontiert mit dem «leeren Nest». Es ist plötzlich still, die Kinderzimmer sind leer. Es ist ein lange vorhersehbares Ereignis, aber wenn es tatsächlich eintritt, erleben es dennoch viele Eltern als gravierenden Einschnitt. Es fühlt sich an wie das Ende einer Liebesbeziehung, die einseitig aufgelöst wird. Wer Liebeskummer kennt, kann sich die seelisch- körperliche Reaktion etwa vorstellen. Ist das Empty-Nest-Syndrom eine Krankheit? Dietziker/Helbling: Nennen wir es eine normale und notwendige Krise. Viele Jahre hat sich das Leben der Eltern um die Kinder, später um die jungen Erwachsenen gedreht. Dies hat dem Alltag Sinn und Inhalt gegeben. Nun fallen diese Aufgaben weg. Gerade weil die letzten Jahre vielleicht konfliktreich und anstrengend waren, geraten die Eltern in eine Art Schockzustand. Viele Eltern werden davon überrascht, weil sie sich in erster Linie Erleichterung ausgemalt hatten und sich jetzt völlig zwiespältig fühlen. Wie muss man sich diesen Schock vorstellen? Dietziker/Helbling: Vordergründig ist es Traurigkeit über den Verlust der alltäglichen Begegnungen, die Lebendigkeit im Haus, die Anregungen, das Gebrauchtwerden. Manche Eltern sind niedergeschlagen, orientierungslos und antriebslos. Es können sich Gefühle von Sinnlosigkeit einstellen oder auch die Angst, den Kontakt zu den jungen Erwachsenen zu verlieren. Manchmal erinnern sich die Eltern an Erziehungssituationen und bedauern gewisse Handlungen. Denn jetzt kann man nichts mehr korrigieren. Warum können Eltern die neue Freiheit nicht einfach geniessen? Dietziker/Helbling: Meistens wird der Alltag der Erwachsenen um die Kinder herum geplant. Eigene Bedürfnisse als Person und Paar werden dabei leicht vernachlässigt. Es bleibt wenig Raum für eigene Interessen und die Arbeit an der Partnerschaft. Nun braucht es zuerst eine Rückbesinnung auf die eigenen Wünsche und eine Neuorientierung im persönlichen Leben, ohne die Fremdbestimmung durch den Familienalltag. Obwohl sie schwer auszuhalten ist, braucht es die anfängliche Leere, damit die Transformation in den neuen Lebensabschnitt angestossen wird. Wieso leiden so viele Eltern darunter, obwohl man doch weiss, dass die Kinder eines Tages ausziehen? Dietziker/Helbling: Es ist eben ganz anders, etwas zu wissen oder etwas zu erleben. Auf die Gefühle des Verlustes und der Leere kann man sich nicht wirklich vorbereiten. Es bleibt im vollbepackten Familienalltag tatsächlich wenig Zeit, aber Menschen verdrängen unangenehme Gedanken auch zum Selbstschutz. Der Abschied von den Kindern fühlt sich dann aber absolut an, für immer. Man fühlt sich zurückgelassen und ungebraucht. Das kann seelischen Schmerz auslösen. Dem Alter entsprechend kommen oft weitere Lebenskrisen dazu: Die Wechseljahre, der Abschied von den eigenen Eltern oder das Bewusstsein des eigenen Alterns. Spielt die Intensität der Eltern-Kind Bindung eine Rolle? Dietziker/Helbling: Es hat einen Einfluss, welche Bedeutung ein Kind für das Familiengefüge hatte, wie nahe die persönliche Beziehung zu ihm war. Aber wichtiger ist für die Eltern, besonders für Mütter, die sich ausschliesslich der Familienarbeit gewidmet hatten, der Verlust der Inhalte und der Identität. Man ist nicht mehr Teil des Alltags, hat keinen Einfluss mehr auf die Lebensgestaltung der jungen Erwachsenen. Sie wollen dies auch oft nicht mehr. Eher möchten sie beweisen, dass sie das Leben selbständig bewältigen können. Es braucht darum neue Formen der Anteilnahme und den Mut der Eltern, die Jungen ziehen zu lassen. Kann man sich demnach auf den Auszug der Kinder gar nicht vorbereiten? Dietziker/Helbling: Doch, man kann sogar viel tun. Einerseits sollte man schon in der Adoleszenz zu den Jugendlichen eine respektvoll gleichwertige Beziehung aufbauen, denn in dieser Zeit entscheidet sich, wie der Umgang mit den erwachsenen Kindern sich später gestalten wird. Ganz wichtig ist es, parallel dazu die Partnerschaft neu zu beleben, seine persönlichen Interessen, Hobbys und externen Engagements aufzubauen und das soziale Umfeld zu pflegen. Man sollte seine neue Lebensgestaltung schon anfangen, bevor die Jungen tatsächlich ausgezogen sind. Wie kann man den Kontakt zu den erwachsenen Kindern behalten? Dietziker/Helbling: Oft entspannt sich die Beziehung zu den jungen Erwachsenen nach dem Auszug. Ohne die alltäglichen Konflikte sieht man sich gegenseitig weniger kritisch. Zu Beginn brauchen die Eltern oft etwas Geduld. Es braucht eine gewisse Zeit, bis sich bei den Jungen ein Bedürfnis einstellt, mit den Eltern in Kontakt zu treten. Man kann aber neue Kontaktformen und Rituale installieren. Die jungen Erwachsenen schätzen echtes Interesse und Anteilnahme an ihrem Leben, wenn sie spüren, dass man ihnen die Selbständigkeit zutraut.
vom 4. Mai 2022