Lic.phil. André Dietziker Fachpsychologe für Psychotherapie FSP Eidg. anerkannter Psychotherapeut
Bindungstherapie
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In den letzten Jahren drängte sich der Begriff der Bindung immer mehr ins Zentrum meines psychologischen Interesses. Ich habe mich darum bei PD Dr.Karl Heinz Brisch in München in Bindungsorientierter Psychotherapie (BPT) weitergebildet. Am Anfang der Bindungsforschung steht der englische Kinderpsychiater John Bowlby, der 1951 für die WHO die vielbeachtete Studie über den Zusammenhang zwischen mütterlicher Zuwendung und seelischer Gesundheit veröffentlicht hat. Bowlby hat folgende Definition geprägt: "Bindung ist das gefühlsgetragene Band, das eine Person zu einer andern spezifischen Person anknüpft und das sie über Raum und Zeit miteinander verbindet". Der Wunsch nach Bindung wird heute als basales menschliches Bedürfnis jenem nach Luft und Nahrung gleichgesetzt. Die primäre Bindungserfahrung eines Menschen ist jene des Säuglings zu seiner ersten Betreuungsperson. Der Mensch mit der grössten Feinfühligkeit in der Interaktion wird vom Kind als Hauptbindungsperson identifiziert. Gelingt es dieser, dem Kind einen "siche- ren emotionalen Hafen" zu bieten, entwickelt sich eine sichere innere Bindungs- repräsentanz und damit ein Urvertrauen in die Zuwendung der Umwelt, aber auch ein Vertrauen in sich selbst: Ich bin es wert, dass man zu mir schaut. Wenn die empathische, feinfühlige Versorgung in den ersten Lebensjahren unterbleibt oder nicht möglich ist, kann sich eine unsichere Bindung entwickeln. Schicksalsschläge, Trennungen, Verluste durch Tod, Krankheiten, traumatisie- rende Erfahrungen usw. können zu umfassenden Verunsicherungen führen. Unsicher gebundene Menschen sind Belastungssituationen schutzloser aus- geliefert. Ihre Stressregulation ist ungenügend und in der Folge können sich ver- schiedenste Störungen und Krankheitsbilder entwickeln. Darum ist die Frage nach der Bindungsqualität eines Menschen und Traumat- as, die er im Laufe seines Lebens erlitten hat, von zentraler Bedeutung für das Verständnis seines Leidenszustandes. Unverarbeitete Traumatisierungen der Eltern steuern deren Bindungsverhalten und beeinflussen unbewusst das Bindungsangebot an ihre Kinder. Auf diese Weise geschieht es, dass die Folgen dramatischer Erfahrungen über Generationen weiterwirken. “Eltern geben Trauma weiter”: Artikel in der SonntagsZeitung vom Sept. 2015
In den ersten Lebensmonaten ist der Säugling nicht in der Lage, Stress durch Hunger, Angst, Schmerz, Erschrecken usw. selber zu regulieren. Dadurch wünscht sich das Kind die Nähe und allzeitige Verfügbarkeit der Hauptbind- ungsperson und die Trennung von dieser aktiviert das Bindungsbedürfnis in Form einer Stressreaktion. Durch die Erfahrung feinfühliger Zuwendung im ersten Lebensjahr entwickelt das Kind in den nächsten Jahren zunehmend die Fähigkeit, seinen Stress selber zu regulieren. Das sicher gebundene Kind wird also fähig, sich getrennt von den wichtigsten Bezugspersonen selbständig zu bewegen. Kinder mit einer sicheren Bindung zeichnen sich aus durch eine hohe Resilienz, Sozialkompetenz, Kreativität und Lernleistung. Letztere steht im Zu- sammenhang mit der von K.H. Brisch beschriebenen sogenannten Bindungs- Explorations-Wippe. Demnach ist ein Säugling nur dann fähig, die Welt zu erkunden, wenn das Bindungsbedürfnis beruhigt ist. Im Moment, wo es von der Hauptbindungsperson getrennt wird, aktiviert sich sein Bindungssystem. Das Kind gerät unmittelbar in einen Stresszustand und ist nicht mehr in der Lage zu spielen oder die Umgebung zu erforschen. Dieses Phänomen kann man später in allen Lebenssituationen wieder finden, wo Leistung gefordert wird. Ein Schüler lernt besser, wenn er sich von seinem Lehrer ermuntert und anerkannt fühlt. Ein Arbeitnehmer ist effizienter, wenn der Vorgesetzte an ihn glaubt und seine Leistung schätzt. Unser Lebensweg ist voll von wichtigen Bindungssituationen, wo die Bindungsqualität ihre Wirkung ent- faltet. Zuerst sind es unsere Eltern, schnell auch unsere Geschwister, vielleicht eine Bezugsperson in der Krippe, Familienangehörige, Lehrer, Lehrmeister, Kollegen und Freunde, Vorgesetzte und Untergebene, mit denen wir in ein Bindungsarrangement geraten. Bindung spielt aber auch eine Rolle beim Arzt- besuch, in der Pflegesituation im Spital, später in der Altenpflege und letztlich sogar in der Stunde unseres Todes. Die Bindungssicherheit der Partner hat eine hohe Relevanz für das Verhalten innerhalb einer Paarbeziehung. Die früheren Erfahrungen mit der Zuverlässig- keit wichtiger Bezugspersonen steuern das Verhalten in aktuellen Beziehungen und unsere Erwartungen an einen Partner. Der aktuelle Lebenspartner schlüpft gleichsam in die Rolle der Hauptbindungsperson. Dies erklärt, weshalb wir so verletzbar sind in unseren Partnerschaften. Bestimmte Verhaltensweisen können alte negative Erfahrungen oder Traumatas triggern und unseren Organismus in Alarmbereitschaft versetzen. Erwachsene, auch langjährige Partner, sind da- rum immer wieder erstaunt, wie unlogisch, emotional und heftig sie in gewissen Situationen reagieren. Das Wissen um diese Hintergründe kann sehr befreiend wirken. Mit den modernen Möglichkeiten der Medizin, neurologische und neuropsycho- logische Prozesse abzubilden, ergeben sich versöhnliche Erkenntnisse. Das menschliche Gehirn zeichnet sich durch eine hohe Neuroplastizität aus. Der deutsche Traumaforscher Lutz Besser spricht vom Gehirn als einer Art Wachs- tafel, die immer wieder neu gestaltet werden kann. Wir können also darauf hof- fen, dass traumatische Erfahrungen, Vernachlässigung und Deprivation, welche in unserem Gehirn ihre neurologischen Spuren hinterlassen haben, korrigier- bar und bewältigbar sind. K.H. Brisch belegt mit bildgebenden Verfahren, dass sich die Gehirnaktivitäten von verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen nach einigen Monaten intensiver, feinfühliger Betreuung und emotionaler Koregulation sichtbar verändern. Auch die Stressregulationsfähigkeit eines Menschen lässt sich in späteren Lebensjahren noch erweitern.
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„Mit einer sicheren Bindung werden die Eltern grosse Freude an ihrem Kind haben, weil sicher gebundene Kinder eine bessere Sprachentwick- lung haben, flexibler und ausdauern- der Aufgaben lösen, sich in die Ge- fühlswelt von anderen Kindern besser hineinversetzen können, mehr Freund- schaften schliessen und in ihren Be- ziehungen voraussichtlich glücklichere Menschen sein werden.“ (K.H. Brisch) Dr. med. habil. Privatdozent Karl Heinz Brisch leitet als Oberarzt die Abteilung Pädiatrische Psychosomatik und Psychothe- rapie an der Kin- derklinik und Po- liklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximi- lian-Universität München. Sein Forschungs- schwerpunkt um- fasst den Bereich der frühkindli- chen Entwicklung zu Fragestellungen der Entstehung von Bindungsprozes- sen und ihren Störungen. Dr.Brisch bietet in München eine Wei- terbildung in bindungsorientierter Be- ratung und Bindungspsychothera- pie an (khbrisch.de) .  Eines seiner grossen Anliegen ist die Ausbildung junger Eltern hinsichtlich eines bindungsfördernden Umgangs mit ihren Kindern. Das Programm SAFE (sichere Ausbildung für Eltern) erfreut sich zunehmender Verbreitung.