Lic.phil. André Dietziker Fachpsychologe für Psychotherapie FSP Eidg. anerkannter Psychotherapeut
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Netzbrief bildung+gesundheit - Netzwerk Schweiz Mai 2009 Pubertärer Blues oder Depression? von André Dietziker Jede vierte Frau und jeder achte Mann erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Depression, unabhängig von Alter und sozialer Schicht. In der Schweiz gibt es aktuell etwa 360‘000 Betroffene. Als Erklärungsansatz ist das Primat der Leistung in der westlichen Welt zu vermuten. Zusätzlich fordern die Beschleunigung aller Lebensab- läufe und die soziale Entfremdung innerhalb der Gesellschaft ihren Tribut. Die Menschen sind zunehmend da- von absorbiert, ihr Alltagsleben überhaupt zu bewältigen. Viele zweifeln in der Überforderung an sich selbst. Sie fordern sich alles ab, bis sie ausgebrannt sind. In der Gesellschaft geniesst jemand höheres Ansehen, der sich einsetzt bis zur Krankheit, als einer, der vorher aufgibt. Die Maxime der Leistung und ihr Tribut beim Jugendlichen  In diesem Umfeld wachsen Jugendliche heute auf. Sie spüren die Maxime der Leistung auf verschiedenen Ebenen. Schule und Elternhaus sorgen sich um die Ausbildung, zur Sicherung einer guten materiellen Zukunft. Die Lehrstellen sind knapp, die Zulassungsbedingungen zu weiterführenden Schulen streng. Der Jugendliche spürt den allseitigen Erwartungsdruck. Er wird indirekt zu einem Zeitpunkt mit dem Ernst des Lebens konfron- tiert, an dem er von einer Verantwortung für den eigenen Lebensweg noch wenig wissen will. Viele sind dies- bezüglich auch überfordert. Die Schwierigkeit mancher Jugendlicher bei der Berufswahl möge hier als Beispiel dienen. Die Adoleszenz, als Zeitraum des Erwachsenwerdens zwi- schen Kindheit und vollem Erwachsensein, stellt an den jungen Menschen hohe Anforderungen. Er entdeckt mit Begeisterung, dass sich seine individuelle Persönlichkeit entfaltet. Innerhalb seiner Peergroup, aber auch in Referenz zur Erwachsenenwelt bemüht sich der Jugendliche darum, seine Position zu finden. Die Fragen: „Wer bin ich und wer möchte ich sein?“, sind im Alltag ständige Begleiter. Der junge Mensch sucht nach seiner Identität als Mann oder Frau, nach Vorbildern, einem eigenen Lebensstil, Werten und Ansichten. Dabei gehen die Anforde- rungen, die der Jugendliche spürt, deutlich über die Frage der Schulleistung hinaus. Das Thema der körperlichen Entwick- lung, Sexualität, Liebe und Freundschaft durchdringen die Gedankenwelt. Bin ich unter Gleichaltrigen akzeptiert, komme ich an, gelte ich etwas? Die Auseinandersetzung mit dem familiären Umfeld nimmt teilweise heftiges Ausmass an. Der Jugendliche muss das Nest beschmutzen, auf dessen Wärme er eigentlich noch angewiesen wäre. Damit treibt er sich selber in die Isolation, welche bei der Lösung eigener Probleme ihrerseits zur Last wird. Oft sitzt der Jugendliche mit den eigenen Unsicherheiten allein. In der Befürchtung, niemand würde sein Empfinden, seine Selbstzweifel und Probleme teilen oder nach-empfinden, zieht er sich schamhaft und peinlich berührt zurück. Nicht zuletzt darin ist einer der Gründe zu vermuten, warum Depressionen bei Jugendlichen häufig unerkannt bleiben. Dabei durchlaufen 12-18% der Jugendlichen während der Adoleszenz mindestens eine Episode einer klinisch relevanten Depression. Viele möchten ihre Eltern nicht mit ihrer Niedergeschlagenheit beunruhigen oder enttäuschen. Manche erwarten von den Eltern auch wenig Verständnis, weil diese ihnen sonst in erster Linie kritisch und fordernd begegnen. Leistungsversagen, auch in Form von psychischen Krisen, bringt in vie- len Familien die Eltern derart in Aufruhr, dass die Jugendlichen sich dieser Reaktion nicht aussetzen wollen. Normale Entwicklung oder Krankheit  In der Pubertät und während der Adoleszenz finden sich depressive Symptome häufig als Durchgangsstadium der normalen Entwicklung ohne Krankheitswert. Eltern haben als Referenzgrösse oft nur die eigene Pubertät. Der Jugendliche selber erlebt diesen Wandel selber das erste Mal. Darum haben Lehrpersonen meist den besseren Vergleich mit „normalem“, weil häufigem, auffälligem Verhalten von Jugendlichen. Körperliche Krisen- zeichen wie Anspannung, Erschöpfung, Appetitlosigkeit oder Schlafprobleme, mentale Auffälligkeiten wie Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme und Leistungsabfall, sowie Verwirrungen der Gefühlswelt wie Selbstzweifel, Ängste, Gereiztheit, Interesselosigkeit oder Niedergeschlagenheit erlebt fast jeder Jugendliche im Laufe seiner Entwicklung. Auf der Handlungsebene gehen solche Phasen bei einzelnen mit aggressivem Auftreten, bei andern mit sozialem Rückzug einher. Bei manchen häufen sich unentschuldigte Absenzen oder Krankheiten. Dies alles können einerseits Symptome pubertärer Launen und Entwicklungsschübe sein, ande- rerseits aber auch Ausdruck von Stress, Liebeskummer, sozialer Ausgrenzung, Gewalterfahrung, Überforde- rung durch Schule oder Freizeit, familiäre Krisen aber auch einer ernsthaften Depression. Das entscheidende Kriterium zur Unterscheidung normaler Entwicklungszeichen von einer Depression liegt in der Dauer und der Intensität, welche die Symptome aufweisen. Bei einer Depression gelten die Veränderungen nicht nur als eine nachvollziehbare vorübergehende Reaktion auf eine äussere Belastung, sondern sie zeigen eine überdauernde Stabilität über mehrere Wochen und Monate, ohne dass es zu einer Erholung kommt. Zu- sätzlich zu einer Depression finden sich bei Jugendlichen als Ursache, Begleiterscheinung oder Folge oft Ko- morbiditäten. Es treten vermehrt Störungen im Sozialverhalten, Angststörungen, Suchtverhalten, Essstörun- gen, Zwangserkrankungen und auch selbstverletzendes Verhalten auf. Empathisches Hilfsangebot  Der erste Schritt auf dem Weg zu einer sinnvollen Unterstützung ist der Austausch unter den beteiligten Lehrpersonen. Der Vergleich von Beobachtungen zeigt nicht selten ganz unterschiedliche Wahrnehmungen. Sollten mehrere Lehrpersonen Auffälligkeiten festgestellt haben, die auf eine psychische Krise beim Jugendl- ichen hindeuten, gilt es vorsichtig mit diesem in Kontakt zu treten. Die geeignetste Person dafür muss nicht die offizielle Klassenlehrperson sein. Es ist jene Bezugsperson aus dem schulischen Umfeld auszuwählen, die den vertrauensvollsten Zugang zum Jugendlichen hat. Der Rahmen für ein Gespräch sollte genügend vertraulich gewählt werden, ohne allzu offiziell zu wirken. Der Schüler sollte ermuntert werden, über seine Befindlichkeit zu reden. Aufmerksames, empathisches Zuhören durch die Lehrperson, soll dem Schüler die Offenheit für seine Anliegen signalisieren. In einem nächsten Schritt beschreibt die Bezugsperson konkrete Beobachtungen und Veränderungen. Entscheidend ist dabei die Haltung von Fürsorge und Anteilnahme. Wenn der Jugendliche die Wahrnehmung einer Krise bestätigt, soll die Lehrperson nicht vorschnell beschwichtigen, trösten oder Lösun- gen anbieten. Die Ernsthaftigkeit der Lage wird eher unterstützt, wenn sie gefühlsmässig einen gewissen Raum bekommt. Erst dann kann die Vertrauensperson den Verdacht auf eine Depression aussprechen. Dem soll die Aufzählung möglicher Hilfsangebote und Hilfspersonen folgen, auf der gemeinsam ein erster Lösungs- ansatz aufgebaut werden kann. Möglicherweise muss man das erste Gespräch erst wirken lassen und in kur- zem Abstand einen zweiten Termin vereinbaren, wo der Jugendliche eher auf konkrete Schritte eingehen kann. Wenn immer möglich sind die Eltern im Einverständnis der Schülerin bzw. des Schülers in das Vorgehen und damit in die Verantwortung mit einzubeziehen. Grenzen der Zuständigkeit  Es sei noch betont, dass Lehrpersonen nicht den Auftrag haben, eine Diagnose zu stellen. Es reicht, Verän- derungen wahrzunehmen, diese anzusprechen und die nötige Triage in professionelle Hände einzuleiten. Vor dem Versuch, mit dem Jugendlichen eine Art therapeutisches Setting einzugehen, ist ausdrücklich abzuraten. Die professionelle Behandlung einer Depression bedarf klinischer Kompetenz und oft auch einer medikamen- tösen Begleittherapie.
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Jugenddepression